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SEK Bremen

Die Männer vom Spezialeinsatzkommando der Polizei:

Nur im Team sind sie stark und lehren Schwerverbrecher das Fürchten

Von unserem Redakteur
Jürgen Hinrichs

Verdammt, das Radio. Fröhlich dudelt der Privatsender vor sich hin, keine Chance, ihn abzuwürgen oder auch nur leiser zu stellen. Michael Häring ruft über Funk die Zentrale, seine Kollegen sollen ihm erklären, wie er in dem nagelneuen BMW die Technik bedienen muss. Tolle Kiste, pfeilschnell, komfortabel, aber kompliziert. Die Regler für’s Radio, stellt sich heraus, sitzen versteckt am Lenkrad. Ein kleiner Handgriff, und es ist Ruhe im Auto. Häring hat ein Problem gelöst, doch sein größtes steht ihm heute noch bevor. Der Chef des Bremer Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Polizei ist unterwegs zum Einsatz. Es geht gegen Leute, die wahrscheinlich bewaffnet sind. Sie müssen überrascht werden an diesem frühen Morgen, sonst könnte es knallen.

"Das wird eine ziemliche Fummelei", hatte Häring seine Männer gewarnt. Ein Haus und vier Parteien. Niemand weiß, in welcher Wohnung sich die Gruppe mit den Tatverdächtigen aufhält. "Wir müssen ein bisschen linsen", sagt der Chef. Also nicht mit Karacho vorfahren und die Bude stürmen. Die Mannschaftnickt, es ist ihr längst klar. Viele Tage hat sie hin und her überlegt, wie dieser Einsatz laufen könnte. Die Zielpersonen, der Ort - alles bekannt und ausbaldowert. Darum los jetzt.
Seine Jungs vorweg, ganz unauffällig in Zivilfahrzeugen, und Häring hinterher mit dem BMW, dessen Radio endlich die Klappe hält. Jetzt melden sich in dem Auto nur noch Funkgerät und Handy. Alles streng dienstlich, kein Wort zu viel.
Brav eingeparkt in der Wohnstraße steht der weiße VW-Bus des SEK. Häring fährt zügig dran vorbei, er will nicht auffallen. Aus den Augenwinkeln sieht er einen seiner Leute vor der Haustür stehen. Der Mann in Zivil tut ganz unverdächtig, seine Kollegen sind offenbar schon drin und suchen jetzt nach der richtigen Wohnung. Alles scheint genau nach Plan zu laufen. Der Chef fragt sicherheitshalber nach und bekommt über Funk ein "Klack, klack" als Bestätigung. Reden geht jetzt nicht. Der entscheidende Moment steht bevor.

In jeder Gruppe gibt es Spezialisten, und hier sind zuerst einmal die Techniker gefragt. Durch den Briefschlitz haben sie die Haustür geöffnet, fingerfertiger als jeder Einbrecher. Dann im Flur schnell die Montur angezogen: schusssichere Weste, Maske und Helm. Und nun langsam mit der Waffe in der Hand die eng gewundene Treppe hinauf. Ein Vöglein im Haus hat den Männern inzwischen gezwitschert, wo die Tatverdächtigen sind.

Um sie nicht aufzuscheuchen, muss jetzt alles ganz schnell gehen. Auch diese Tür könnte zwar wieder mit Geschick geknackt werden. Was aber, wenn jemand etwas hört? Darum der andere Weg. Die rohe Gewalt.
Mit den Waffen im Anschlag sichert der SEK-Trupp zwei Kollegen, die den Angriff führen. Sie sprengen mit einer Ramme kurzerhand die Tür auf. Holz splittert, Glas zerspringt, Schreie im Flur und in der Wohnung. Der Überraschungscoup ist gelungen. Einer will noch fliehen, über die Dächer, "den Schuh machen", wie die Polizisten sagen. Er wird am Schlafittchen gepackt und niedergeworfen. Es ist gut jetzt, alles ruhig.

Unheimlich ruhig. Wenn überhaupt gesprochen wird zwischen den Beamten, dann nur mit gedämpfter Stimme. Die Tatverdächtigen, eine Frau und drei Männer liegen bäuchlings am Boden. Ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Die Köpfe mit Tüchern bedeckt. Michael Häring, der in der Wohnung steht und sich kurz einen Überblick verschafft, erklärt, warum: "Die sollen sich nicht gleich wieder aufpumpen können." Besser, der Schock wirkt noch etwas nach, und sie bleiben still liegen.

Die SEK-Leute räumen das Feld. Ihr Job ist erledigt. Alles Weitere übernimmt die Kriminalpolizei.

Bonzo, Olli und die anderen fahren zurück nach Huckelriede, zu ihrem Stützpunkt in der Polizeikaserne. Bekakeln, was war. Eine offene Aussprache, damit sich Fehler nicht wiederholen. Es geht locker zu in diesen internen Runden und gleichzeitig, an Punkten, wo es draufankommt, hochkonzentriert. Die Männer wirken freundlich, aufgeschlossen und intelligent. Rambos wollen sie hier nicht. Im Gegenteil: Teamfähigkeit ist alles. Der eine muss sich blind auf den anderen verlassen können. Auf sein Fingerspitzengefühl vor allem, in kitzligen Situationen genau das Richtige zu tun.

Bonzo und Olli - sie heißen nur beim SEK so. Andere werden Obi gerufen, Hermes oder Pisa. Wenn es gegen Schwerverbrecher geht, und das ist bei diesem Kommando immer so, muss streng auf Tarnung geachtet werden. Bonzo und Olli sitzen im Dienstzimmer und reden über ihren Beruf. Der eine, Olli, ist erst seit drei Jahren bei der 41 Mann starken Truppe. Der andere hat seine Zeit eigentlich schon hinter sich, er ist 45 Jahre alt und muss deshalb in einen anderen Polizeidienst wechseln. “Das sind nun mal die Regeln", sagt Bonzo so teilnahmslos wie möglich. Denn eigentlich ärgert er sich ja: "Was ist entscheidend? Das Alter oder die Leistungsfähigkeit?"

Beide Männer eint der gleiche Zwiespalt. Die Leidenschaft für ihren Beruf, Hingabe fast. Bonzo: "Wenn man einmal hier ist, will man nicht mehr weg." Olli: "Es gibt Kollegen, die kommen für einen Einsatz aus dem Urlaub zurück." Diese Begeisterung für das Team und die gemeinsame Aufgabe. Sie ist da - und bleibt versteckt. Nur ja nichts preisgeben, Fremden gegenüber schon gar nicht. Cool sein, professionell: "Die Einsätze", sagen beide, "werden abgearbeitet."
Und wenn etwas schief geht? "Dann gibt es Plan B." Flieht jemand über die Dächer, "gehen wir hinterher". Ganz einfach. "Wir haben ein Ziel und eine Aufgabe."
Ans Limit gehen, psychisch und körperlich - dafür wird täglich hart trainiert. Die Männer müssen topfit sein und das auch immer wieder beweisen. Ihre Laufstrecke am Werdersee, es sind 8,8 Kilometer - wer dafür länger als 40 Minuten braucht, hat beim SEK schlechte Karten. Dumm auch, wenn jemand gerannt ist wie verrückt und am Ende völlig erschöpft noch vor eine andere Aufgabe gestellt wird. Schießen vielleicht oder nach der Stoppuhr ein paar Waffen zusammenbauen. Eine Stress-Falle ist das, und wehe es tappt jemand hinein. Das Nervenkostüm muss halten,sonst hat es keinen Sinn mit dem Mann.
Einmal, da hat alles Training nichts genützt. Im August 1988, beim Gladbecker Geiseldrama, als die Täter auf der Raststätte Grundbergsee Halt machten und das Bremer SEK nicht verhindern konnte, dass eine der Geiseln erschossen wurde. Michael Häring war damals Gruppenführer und Teil des Wirrwarrs bei der Polizei, die später reumütig ihre Fehler eingestand. "Für uns war das ein Erweckungserlebnis", sagt Häring. Seit Gladbeck gilt: Zuständig bleiben die Beamten am Ausgangsort der Tat, auch wenn es über Ländergrenzen hinweg geht.
Häring und seine Leute. Der Chef, er muss im kommenden Jahr aufhören, und sein eingeschworener Haufen. Ihre Droge ist die Arbeit - und Kaffee, literweise Kaffee. Schwarz am besten. Nur einer dabei, der Tee trinkt.Roibusch. Hellwach ist er trotzdem. Hellwach sind sie alle.